Dieser Text erschien in der Ausgabe 04-2021 des E-Mail-Newsletters orthopädie aktuell der eurocom e.V., European Manufacturers Federation for Compression Therapy and Orthopaedic Devices.

 

J. Heisel1

Die Auswirkung der muskulären Dysbalance auf die orthopädietechnische Versorgung der postoperativ instabilen Hüfte nach erfolgter Reposition einer Totalendoprothese (T.E.P.)

 

Eine typische Komplikation in der frühen Rehabilitationsphase nach einer T.E.P. stellen Hüftendoprothesen-Luxationen dar. Dank fortschreitender Operationstechnik ist die Luxationsrate bei Primäreingriffen auf mittlerweile 1-2% gesunken, bei Revisionsoperationen auf etwa. 5%. Bei ca. 210.000 Erstimplantationen sowie ca. 36.000 Revisions-Implantationen ergibt sich dennoch ein Patientenkollektiv von 3.900 bis 6.000 p.a. mit Luxation der Endoprothese.

Die primären Risikofaktoren einer Luxation sind weniger in operationsseitigen Störungen zu verorten, als vielmehr im patientenimmanenten Bewegungsfehlverhalten und/oder einer deutlich muskulären Schwäche im Falle eines Alterspatienten. Da diese die signifikant größte Patientengruppe darstellen, ist präoperativ eine hohe Wahrscheinlichkeit einer muskulären Dysbalance gegeben. Postoperativ lässt sich aufgrund dessen eine geringere muskuläre Stabilisierung des Implantats erwarten. Dies ist insbesondere bedeutend bei luxationsfördernden Bewegungen wie z. B. dem Aufstehen von zu tiefen Sitzgelegenheiten, die im Alltagsgeschehen des Patienten in der Nachbehandlungsphase oder zuhause trotz entsprechender rehabilitativer Aufklärung unbemerkt schnell geschehen können. Eine Luxation kann hieraus die Folge sein.

In früheren Jahren wurden nach erfolgter Reposition des Hüftgelenks zur Vermeidung von Reluxationen starre Beckengipse verwendet. In späteren Jahren wurden diese durch rigide Orthesen ersetzt. Diese boten unbenommen einen sicheren Schutz vor Reluxationen, jedoch um den Preis einer Immobilisierung über einen Zeitraum von bis zu 12 Wochen. Die zumeist bereits vorhandenen muskulären Dysbalancen wurden durch diese Immobilisierung in ihrer Atrophie-Tendenz weiter unterstützt. Der Verzicht auf Beckengipse oder rigide Orthesen war mangels Alternativen lange Zeit nicht möglich.

Aus dieser Situation heraus entstand 2004 das Konzept einer teilimmobilisierenden Orthese, deren Entwicklungsanspruch in der Verbindung einer gleichwertig hohen Luxationsprophylaxe bei gleichzeitigem Verzicht auf Immobilisierung bestand. Kernansatz hierbei war die klinische Analyse der typischen Bewegungsmuster eines Hüft-T.E.P. Patienten und der Frage, welche Bewegung welches Luxationsrisiko aufwies. Der bisherige Ansatz, durch Immobilisierung aller Bewegungsmuster einen Luxationsschutz zu erreichen, wurde dahingehend differenziert, bei welchen Bewegungen welcher begrenzende Schutz einer Orthese tatsächlich indiziert sei. Dies ermöglichte ein radikal neues Konzept einer Hüftorthese [1], die in das Gangbild des Patienten nur minimal eingreift [2] und dabei gleichzeitig bei luxationsgefährdenden Bewegungen für einen wirkungsvollen Luxationsschutz sorgt.[3]

[1] Heisel J., Thiel C., Neue dynamische Orthese zur Behandlung des postoperativ instabilen Hüftgelenks. Deutscher Ärzteverlag OUP 2015; 4 (2)
[2] Horstmann T., Rapp W., Innervationscharakteristik der Beinmuskulatur beim Tragen einer Hüftorthese. Persönliche Mitteilung (2008)
[3] Heisel J., Dynamische Hüftorthese zur Behandlung der postoperativen Instabilität nach Hüft-TEP. Orth. Prax. 2006; 42: 493
1 J. Heisel: Prof. Dr. Dr. hc. mult. J. Heisel, ehem. Chefarzt Fachkliniken Hohenurach, Bad Urach

 

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